Außer in ein paar James Bond Filmchen haben wir bisher vom Schlafwagenfahren nur träumen können (Darjeeling Express und alle Orient Express Filme haben wir verpasst). Doch das Verlangen und die Möglichkeit (und natürlich die Not, von Bombay nach Kannur zu kommen) haben uns das Abenteuer Schlafwagen in Indien geradezu aufgedrängt. Vor dem Vergnügen stand leider mal wieder die Arbeit. Schon in Deutschland haben wir das superduper Broadband ausgenutzt und uns durch die Seiten der India Rail gekämpft. Die Strecke war klar, nur welche Abkürzung steht für den Zug den wir brauchen? Als das herausgefunden war, ging alles glatt, und mit der Vorabinformation war auch das gefürchtete Karten reservieren in der ehemaligen Victoria-Station in Bombay ein Klacks.
Los gehen sollte es um 23 Uhr, in Goa war die Ankunft für 11 Uhr am nächsten Morgen geplant. Vor Ankunft des Konkan Kanya Express (benannt nach der Hauptsprache Goas, Konkany) hatten wir uns, nach langer Warteraum-Warterei, am Abschnitt mit dem 2AC Abteil eingefunden. Außer uns waren noch einige der Bombay bevölkernden Rucksacktouris anwesend, die die Aromen und die Geldgier der Metropole gegen die Goas austauschen wollten (aromatischer, doch kaum weniger gierig, muss man sagen). Der Zug ratterte in den Bahnhof, im kühlen und lieblosen Blau gehalten und mit ungefähr 20 Wagen, die sich, gut gefüllt, fast pünktlich wieder auf den Weg zurück nach Pernem machten. Ich wurde zwei mal raus geworfen, bevor wir uns es auf unseren zwei Bettchen im air conditioned 2. Klasse Abteil gemütlich machen konnten. Der Grund war die gründliche, chemische Anti-Lebewesen Behandlung, die die teureren Abteile vor der Abfahrt genießen. Dann konnte die Fahrt jedoch beginnen. Die 2AC Klasse hat mit Vorhängen abgetrennte Abteile mit vier Betten, hinzu kommt eine Reihe von zwei Betten auf der anderen Seite des Gangs. Schön plastik-blau bezogen sind die Betten bequem, mit Bettzeug, und das untere Bett lässt sich zu zwei Sitze umklappen. Außerdem hat man dort zwei kleine Fenster, die die enge Liege erträglicher machen. Unsere Rucksäcke waren dann auch schwupps unter der unteren Liege verstaut, die Betten gemacht und die Frage, ob und wie man sich zum Schlafen anzieht, war leider nicht beantwortet. Nach dem langen Tag und der nicht vorhandenen Aussicht gings in die Koje, jedoch nicht ohne von dem von da an ständig durch den Zug rasenden „Kellnern“ in blauen Uniformen nach Frühstückswünschen gefragt zu werden. Der fortwährende Ruf „chaichaichaichaichai“ oder „coffeecoffeecoffee“ oder „masalachaimasalachai“ schallte dann auch fast die ganze Nacht durch die Waggons, draußen, hinter dem Vorhang, hören die Unterhaltungen erst spät in der Nacht auf. Dann gibts nur noch das Rattern der Räder auf den Gleisen, die Stimmen der ein- und aussteigenden Passagiere und das Schnarchen der Schläfer. Die sind zum Großteil Familien mit Kind, auf dem Weg nach Hause, oder Wochenendausflug nach Goa.
Aufstehen findet früh statt, da keiner von uns so wirklich schlafen kann. Ich, weil mir wegen der blöden Klimaanlage und den vier Tagen im stickigen und schwülen Bombay kalt ist, K., weil in ihren Träumen Räuber unsere Taschen klauen, und das, obwohl wir mit unseren Pässen unterm Kopfkissen geschlafen haben. Da keinerlei Durchsagen gemacht werden, sind wir uns nicht sicher, wann wir raus müssen, und ich frage während eines längeren Halts den Ösi, den wir beim Einsteigen getroffen hatten. Draußen ist es heiß, und ich, mittlerweile im Pulli, fange mit Nase putzen an. K. ist mittlerweile bei der Katzenwäsche vor dem winzigen Waschbecken im Flur, dann gibts Omelett mit Toast und Ketchup und natürlich Chai, andere machen sich über die aus dem Küchenabteil gelieferten Samosas usw. her. Dann warten wir, Mau Mau spielend, auf den Tunnel an dessen Ende sich Pernem befindet.
Zwar unsere Fahrt nach Kannur etwas erzählfreudiger vor sich ging, waren auch auf diesem Trip einige an unserer Reise und uns interessiert. Doch die Gespräche in der 2. Sleeper Klasse, mit Ventilator an der Decke und drei Betten, voller Inder und Inderinnen, wir ganz oben, so dass keiner an unser Gepäck kommt und wir so lange liegen können wie wir wollen, waren um einiges besser. Unter uns konnte man die Fenster bzw. Öffnungen durch Metalljalousien verdecken, bedient wurde man auch hier, und unsere Mitfahrer waren interessiert an unserer Route. Einer erzählte von den guten Textilien, die es in Tamilnadu gibt und dass wir ihn und seine Frau doch unbedingt besuchen sollten, fragte besorgt wie oft wir schon ausgeraubt wurden und dass ich doch eine schöne Frisur hätte. Nur der Bart solle ab. Meinte auch die Dame zu seiner Linken, die des Englischen nicht so mächtig und deshalb etwas schweigsamer war. Die restlichen Passagiere hörten freundlich gespannt zu, sagten aber keinen Ton. Die nicht airconditioned Sleeper Klasse hat uns den deutlich besseren Schlaf gebracht, aber da waren wir das Ruckeln auch schon gewöhnt. Die Toiletten sind übrigens genauso schlecht wie in überfüllten REs in good old Gemany.
1 Kommentar:
Hi Andy,
danke für den ausführlichen Bericht deiner schlafwagennacht.ich bin noch am schmunzeln.
Es kommen ja tolle Zeiten auf dich zu, wenn K. ihre Massagetechniken ausprobieren muss?:))
Wir waren gestern abend im Theater,
Don Giovanni, mit dem echten Pferd auf der Bühne.
Sonst alles im Lot, ausser P. , der sich die Rippen verzogen hat
(sozusagen Streifen verrutscht-schmerzhaft)
Have a beautiful day
Love B.
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